Wenn Nähe nur im Rausch gelingt – warum Intimität manchmal schwerfällt und wie Paare damit umgehen können
- Anja Titze

- 11. Dez. 2025
- 2 Min. Lesezeit
In meiner Praxis erlebe ich immer wieder Paare, die ein Thema schwer ansprechen können: Körperliche Nähe gelingt nur, wenn einer von beiden Alkohol getrunken hat. Was nach einem Randproblem klingt, belastet Beziehungen oft intensiver, als man auf den ersten Blick vermutet. Für die betroffene Person fühlt es sich häufig wie ein stiller Rückzug an – als würde die eigene Attraktivität infrage stehen. Für die andere Seite steckt dagegen oft etwas völlig anderes dahinter.
Wenn Intimität nur im alkoholisierten Zustand entsteht, geht es selten um mangelndes Begehren. Viel häufiger zeigt sich eine innere Blockade: Scham, Leistungsdruck, das Gefühl, nicht „gut genug“ zu sein, oder die Angst davor, sich emotional wirklich zu öffnen. Alkohol wirkt in solchen Momenten wie ein Schalter, der Anspannung reduziert – allerdings zu dem Preis, dass echte Nähe im nüchternen Zustand immer schwieriger wird.
In den Gesprächen mit meinen Klientinnen und Klienten wird schnell klar, dass dieses Muster eine Botschaft enthält: Etwas im emotionalen System des Paares braucht Aufmerksamkeit. Manche haben Stress oder Erschöpfung nie wirklich benannt. Andere tragen alte Erfahrungen mit sich herum, die sich erst im körperlichen Bereich bemerkbar machen. Und wieder andere merken gar nicht, wie sehr sie unter Druck stehen, „funktionieren“ zu müssen.
Was ich Paaren dann immer mitgebe, ist ein einfacher, aber wesentlicher Satz: Körperliche Nähe ist kein Extra. Sie ist ein Kommunikationsweg. Wenn er blockiert ist, lohnt es sich, gemeinsam hinzusehen.
Ein offenes Gespräch – ohne Schuldzuweisung, ohne Suche nach Fehlern – kann viel bewegen. Es geht nicht darum, jemanden zu überreden, sondern darum, zu verstehen, was die Nüchternheit so schwer macht. Oft öffnet sich so ein Raum, in dem beide ihre Unsicherheiten teilen können. Und ab diesem Punkt beginnt Veränderung.
Intimität soll kein Ausnahmezustand sein. Sie darf im Alltag Platz haben, ohne Hilfsmittel, ohne Druck. Und wenn ein Paar merkt, dass es diesen Weg nicht allein gehen kann, ist Unterstützung kein Zeichen von Schwäche – sondern von Mut und Verbundenheit.




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